Musik - National
Artikel vom 2009-08-04
Erstes Akkordeonmuseum in Österreich
Bekannter Schauspieler Hannes Thanheiser als Gründer
Das Akkordeon und Österreich – eine Erfindungs- und Entwicklungsgeschichte, die sich nun zu einer nationalen Novität ganz eigener Art zuspitzt.
Die Tatsache, daß am 23. Mai anno 1829 dem Wiener Orgelbauer Cyrill Demian das "k.u.k. Patent" für das erste spielbare "accordion" verliehen wurde, ist weithin bekannt. Das Akkordeon erkennen einige somit als eine österreichische Erfindung, die rasch ihren Siegeszug um die Welt antrat, und heute nach 180 Jahren die Musikszenen nachhaltig bereichert.
Höchst ungewöhnlich und eigenwillig ist im Vergleich dazu eine ganz andere Tatsache: Hannes Thanheiser, bekannt aus den Medien als Schauspieler und Musiker, aber auch als passionierter Sammler, hat im niederösterreichischen Melk, Sterngasse 19, am 18. Juni 2009 das erste Akkordeonmuseum in Österreich eröffnet und macht auf diese Weise seine umfangreiche Sammlung von einschlägigen Harmonika-Musikinstrumenten einem breiten Publikum zugänglich.
Zu sehen sind Raritäten, Kostbarkeiten und Kuriositäten von 1860 bis in die heutige Zeit (Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr). Außerdem einmalig ist in der Ausstellung die größte Figurensammlung Österreichs zum Thema Akkordeon.
250 Exponate umfaßt die Akkordeonsammlung Thanheisers. Zum Teil sind es seltene und besondere Instrumente, zum Teil aber auch Kunst und Kitsch rund ums Akkordeon.
Raritäten, Kuriositäten, Instrumente – ein Schauspielstar offenbart seine Sammlerleidenschaft
Erstes Akkordeonmuseum in Österreich und sein Gründer Hannes Thanheiser
In die Ausstellung integriert ist ein Spielraum mit Instrumenten für Kinder und Jugendliche zum Ausprobieren. Darüber hinaus findet eine Zusammenarbeit mit örtlichen Musikschulen statt. Veranstaltungen und Konzerte mit international bekannten Musikern und Künstlern verschiedener Genre sind geplant. Ebenso erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit der Akkordeon-Gesellschaft in Wien, die seit vier Jahren mit zahlreichen ausverkauften Veranstaltungen ein großes Publikuminteresse weckt. Die Konzerte sind in der Regel lange im voraus ausgebucht.
Verschiedenste Straßenaktionen und Wettbewerbe im Stadtgebiet bieten Chancen und Möglichkeiten, denn als "Einmaligkeit" scheint das Museum Land und Standort, nämlich Melk, förmlich zur "Akkordeonstadt" zu adeln, denn in ganz Österreich gibt es kein Museum dieser Art, das überdies in einzigartig enger Weise mit seinem Initiator verbunden ist.
Der Lebenslauf des inzwischen 84jährigen Hannes Thanheiser liest sich zuweilen wie eine äußerst facettenreiche, bunte Musikgeschichte, die vielerlei Impulse und künstlerische Berührungspunkte offenbart. Seine Vita ist zum Teil ein "Who is Who" der österreichischen Künstler-Elite.
Geboren am 4. Dezember 1925 in Wien, aufgewachsen in Gersthof, erhielt Thanheiser im Juni 1945 erste Engagements als Schauspieler, Akkordeonsolist und musikalischer Begleiter im "Revuetheater Auge Gottes", in der "Scala" und anderen Bühnen. Er gründet die "Erste Wiener Kinderbühne" und veranstaltete die beliebten "Kinoeinlagen", eine Art der Arbeitsbeschaffung nach dem Krieg, bei der bekannte Künstler vor dem Hauptfilm mit einem Kurzprogramm auftraten. Neben dieser Tätigkeit ist Thanheiser Gasthörer bei Prof. Otto Niedermoser (Innenarchitektur) und Prof. Emil Pirchan (Bühnenbild) und entwirft alsbald erste Bühnenbilder für das "Wiener Künstlertheater" u.a. für die "Horst Winter Revue."
Nachdem sich ab 1952 die Theaterkrise abzeichnet, viele Bühnen ihren Betrieb einstellen und Theater abgerissen werden, verlagert Hans Thanheiser seine Schwerpunkte auf Innenarchitektur und Ausstellungsgestaltung.
Außerdem wird er zum ordentlichen Mitglied des Zentralverbandes der bildenden Künstler Österreichs ernannt und unterhält zahlreiche Kontakte zur Wiener Kunstszene; in seinem Haus in Wien Gersthof treffen sich viele Künstler und Musiker, wie Helmut Qualtinger, Peter Weck, Franko Steinberg, Fritz (Friedrich) Gulda, Friedensreich Hundertwasser (damals noch Stowasser), Tommy Hörbiger, Norbert Rohringer und viele mehr.
1954 eröffnete Thanheiser in der Wiener Innenstadt das Jazzlokal "Studio1" (das heutige "Porgy und Bess"), wo sich zahlreiche Jazzfans tummeln. Als Musiker und Freunde gewinnt er Friedrich Gulda, Joe Zawinul und Hans Koller. Später unterhält Thanheiser in Wien und München das "Atelier für Raum und Form" und richtet Wohnungen, Häuser und Geschäftslokale ein.
1964 gründet er mit Prof. Hans Weigel, Prof. Friedrich Gulda und dem Literaten Conrad Bayer den "Verein der österreichischen Jazzfreunde." Das Innenstadtlokal "Art Center" wird zum vielbesuchten Treffpunkt der Jazzfreunde. In weniger als 6 Monaten finden sich 13.000 Mitglieder.
Alle internationalen Jazzgrößen, die in Wien gastierten, besuchen das Lokal und spielen vor einem begeisterten Publikum. Auch Thanheiser spielt auf der Violine, meisterlich begleitet von Friedrich Gulda das "Violinconcert grotesque", ein pseudo-virtuoses Konzert mit hohem Unterhaltungswert.
Zahlreiche Aktivitäten im Bereich der bildenden Kunst weisen Thanheiser als originellen Künstler mit schier überbordenden Neigungen aus. Auch als Schauspieler. So wird er 1979 von Regisseur Dieter Bernert für die Hauptrolle in der ORF Produktion "Alpensaga" engagiert, woraufhin eine Zusammenarbeit mit Bernhard Wicki und Peter Turrini folgt. Nach dem großen Erfolg dieses Filmes, folgen zahlreiche Theater-, Film- und Fernsehangebote. In den nächsten Jahren spielt er in mehr als 120 Filmen in Österreich und Deutschland. Dabei fungiert Thanheiser oftmals als Multitalent, beispielsweise als er an das Schauspielhaus Bonn engagiert wird und in "Die letzten Tage der Menschheit" nicht nur 16 (!) Rollen spielt, sondern teilweise auch noch die Bühnenmusik komponiert.
1990 wird ihm für die Hauptrolle in dem Film "Erdenschwer" der Federico Fellini-Preis für die beste künstlerische Leistung – als einzigem Österreicher – verliehen. Felix Mitterer bezeichnete Hannes Thanheiser als seinen Lieblingsschauspieler. Er spielt in mehreren seiner Stücke. Bei den Tiroler Festspielen und bei der Eröffnungspremiere der Wiener Festwochen spielt er im "Rabenhof", mit Marianne Mendt und Karl Merkatz in "Donauwellen." Daneben wird er an das berühmte "Theater in der Josefstadt" als Ensemblemitglied engagiert. Seine Filme werden bei den renommiertesten Festivals (Berlinale, Hofer Filmtage, Goldene Rose von Montreux) gezeigt, wie er auch in bekannten Fernsehserien (Julia, Ein Schloß am Wörthersee, Kommissar Rex, Tatort u. a.) spielt.
Am 16. Mai 2007 bekommt Hannes Thanheiser den Prandtauer-Preis der Stadt St. Pölten für sein Lebenswerk verliehen – und damit nicht genug: Im Februar 2009 erfolgt eine Oscar-Nominierung für den Film "Revanche", in dem Hannes Thanheiser eine der Hauptrollen spielt.
Sein Motto lautet: "Was man gemacht hat, wird bedeutungslos gegenüber der Neugier, was man noch alles machen könnte."
Vor diesem Hintergrund also bezeichnend und mehr als bemerkenswert, daß sich der Kreis bei jenem Allroundkünstler Thanheiser im Alter von 84 Jahren ausgerechnet bei seiner Sammlerleidenschaft schließt, an der er nun alle interessierten Harmonikafreunde teilhaben läßt. Ein seltener Glücksfall für die – nicht nur österreichische – Akkordeonwelt, die diesen Umstand hoffentlich zu schätzen weiß.
Artikel aus INTERMUSIK, Internationale Musikfachzeitung (Kamen, Deutschland, www.intermusik-zeitung.de), Ausgabe Juli 2009. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Fotos: Andrea Müller
Informationen: Akkordeonmuseum, Sterngasse 19, A-3390 Melk – Telefon: 0043-2752-51489 oder 0043-664-4317025, Email: akkordeonmuseum@aon.at, Internet: www.akkordeonmuseum.at
Text: INTERMUSIK
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